Ernährung - Artikel - Herzteam Dortmund am St.-Johannes-Hospital

Strikte Diäten bringen nichts

Vor allem Männer sind von Übergewicht betroffen

Knapp 60 Prozent aller Männer in Deutschland, aber nur 37 Prozent der Frauen sind übergewichtig. Schon bei den 30- bis 35-Jährigen bringt nur eine Minderheit das Normalgewicht auf die Waage. Doch woran liegt das? Und was kann man tun, um Übergewicht und Fettleibigkeit zu vermeiden? Darüber haben wir mit Annika Schwink gesprochen. Die Ökotrophologin (M. Sc.) und Diätassistentin arbeitet als Teil des Ernährungsteams im Adipositas Zentrum am St.-Johannes-Hospital.

Frau Schwink, warum sind heutzutage so viele Menschen übergewichtig?
Das lässt sich gar nicht so einfach beantworten. Übergewichtig wird, wer durch die Nahrung mehr Energie aufnimmt als er gebrauchen kann. Der Körper speichert die Energie dann in Form von Fettpolstern. Begünstigt wird dieser Prozess durch dickmachende, so genannten adipogene Umweltfaktoren. Diese können sehr vielfältig sein: Essen ist immer verfügbar, Bewegungsmangel, übermäßiger Stress und zu wenig Schlaf. Aber auch genetische und hormonelle Einflüsse bedingen unseren Stoffwechsel, und damit unser Gewicht. In den meisten Fällen wirkt sich die Summe dieser Faktoren auf uns aus – bei einigen Menschen mehr, bei anderen weniger. Die Stigmatisierung, dass übergewichtige Menschen immer faul und an ihrem Schicksal selbst schuld sind, ist so nicht haltbar.

Ab wann gilt man als übergewichtig, ab wann als adipös?
Als übergewichtig gelten Menschen, die einen Body-Mass-Index, kurz BMI, von 25 oder mehr haben. Adipös, also fettleibig ist, wer hingegen einen BMI über 30 aufweist. Errechnet wird der BMI aus der Körpergröße und dem Körpergewicht eines Menschen. Hierzu teilt man sein Körpergewicht in Kilogramm durch seine Größe in Metern zum Quadrat.

Woran liegt es, dass besonders Männer zu Übergewicht neigen? Sind sie genetisch im Nachteil?
Ganz im Gegenteil. Genetisch gesehen sind Männer sogar im Vorteil. In der Pubertät bedingt das Sexualhormon Testosteron, dass sie während des Wachstums mehr Muskelmasse aufbauen als Frauen. Mehr Muskeln brauchen wiederum mehr Energie, was bedeutet, dass Männer generell mehr Nahrung zu sich nehmen können und müssen. Dass trotzdem so viele Männer besonders ab dem 30. Lebensjahr an Gewicht zunehmen, könnte vielmehr gesellschaftlich bedingt sein. Übergewichtige Männer werden oft weniger stigmatisiert als übergewichtige Frauen. Viele halten es deswegen nicht für notwendig abzunehmen. Sie handeln meistens erst, wenn es nicht mehr anders geht und Begleiterkrankungen auftreten.

Ist das auch Ihre Erfahrung aus dem Adipositas Zentrum?
Ja genau. Im Adipositas Zentrum beraten wir Patienten vor und nach einer chirurgischen Maßnahme, wenn sie beispielsweise einen Magenbypass oder einen Schlauchmagen bekommen. So bieten wir unter anderem Schulungen über gesunde Ernährung an. Oft ist von acht Teilnehmern nur einer ein Mann, und die zeigen sich eher als Kochmuffel, die sich mit der Ernährungsumstellung oft etwas schwerer tun.

Was für Begleiterkrankungen kann man bekommen, wenn man nicht früh genug etwas gegen das Übergewicht unternimmt?
Das ist ganz individuell und hängt von der sonstigen körperlichen Verfassung des Einzelnen ab. Langfristig gesehen erhöht Übergewicht das Risiko auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, es beeinflusst den Bluthochdruck und begünstigt Diabetes mellitus Typ 2, was oft erst spät diagnostiziert wird, weil sich die Insulinresistenz über Jahrzehnte entwickelt. Auch können bestimmte Krebserkrankungen begünstigt werden. Bei Männern ist das zum Beispiel Krebs in der Speiseröhre und im Dickdarm.

Was können Übergewichtige tun?
Um erfolgreich abnehmen zu können, sollte man sich zunächst einmal selbst analysieren und sich fragen: Wo genau liegt die Baustelle? Esse ich ungesund und unausgewogen? Bewege ich mich zu wenig? Wie könnte ich meinen Alltag anders gestalten, um Essgewohnheiten zu verändern? Meinen Seminarteilnehmern rate ich von strikten Diäten ab. Die meisten von ihnen haben bereits
zehn bis 15 Diäten hinter sich, bevor sie ins Adipositas Zentrum kommen. Das Problem ist immer das Gleiche: Durch die Diäten purzeln die Pfunde zwar schnell, doch genauso schnell sind sie auch wieder auf den Hüften. Dieser so genannte JoJo-Effekt ist nicht nur demotivierend, sondern auch ungesund, weil dem Körper zeitweise nicht genügend Vitamine und Nährstoffe zugeführt
werden. Und: Je stärker man auf etwas verzichtet, desto mehr wünscht man es sich und wird wieder schwach, wenn die Diät vorbei ist. Besser ist ein langsamer Umstieg – nur so kann man das Gewicht auch dauerhaft halten.

Und haben Sie noch einen Tipp für die Männer?
Viele Männer essen bekanntlich gerne Fleisch, was aber im Übermaß nicht gut ist – wie natürlich alles, von dem wir unnötig viel zu uns nehmen. Insbesondere im fettreichen und stark weiter verarbeiteten Fleisch sind gesättigte Fettsäuren enthalten, die unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Ungesättigte Fettsäuren hingegen wirken sich positiv aus, weshalb sie gegen gesättigte Fettsäuren ausgetauscht werden sollten. Gut ist es, statt tierisches pflanzliches Fett zu verwenden und zum Beispiel mit Rapsöl statt mit Butter zu kochen. Fleisch sollte seltener und nur in guter Qualität, etwa vom Bio-Bauern, auf den Tisch kommen. Auch ist Fisch eine leckere Alternative.

Zurück