Medizin - Artikel - Herzteam Dortmund am St.-Johannes-Hospital

Ein Fall für's Herzteam Dortmund: Operation am offenen Herzen

Über 1.200 Eingriffe werden jedes Jahr durchgeführt

Im klinischen Alltag gehören Operationen am offenen Herzen zur Routine. Sie bleiben trotzdem etwas Besonderes, weil die gesamte Kreislauf- und Atemfunktion des Patienten stillgelegt werden muss. Nur so können die Chirurgen innerhalb der Herzräume und an den großen Gefäßen präzise operieren. Möglich macht das der Einsatz der Herz-Lungen-Maschine. Und: Ohne bestmögliche Teamarbeit geht es nicht.

„Die meisten operativen Eingriffe am Herzen sind technisch sehr anspruchsvoll und erfordern eine hohe Fachkenntnis und Erfahrung aller Beteiligten im und um den Operationssaal“, betont PD. Dr. Guido Dohmen, Chefarzt der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie im St.-Johannes-Hospital und einer der beiden Leiter des Herzteams Dortmund. „Jeder muss wissen, was er tut, gleichzeitig aber unbedingt das reibungslose Zusammenspiel der Akteure im Blick haben.“

Auch Prof. Dr. Michael Sydow, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am JoHo, sieht in der Vielfalt der Informationsabhängigkeiten eine zentrale Herausforderung bei jeder OP am offenen Herzen: „Der Chirurg ist auf die richtigen Informationen des Anästhesisten und Kardiotechnikers angewiesen. Der Anästhesist wiederum benötigt für die Überwachung des Patienten zuverlässige Angaben zu Labordaten und Einsätzen der Herz-Lungen-Maschine. Und die OP-Fachkräfte müssen das chirurgische Vorgehen kennen, um zur richtigen Zeit sterile Instrumente und Material an- und nachreichen zu können“, gibt er einige Beispiele.

Aus der Luftfahrt ist bekannt, welche Bedeutung eine störungsfreie Kommunikation im Cockpit für die Sicherheit hat. Bei herzchirurgischen Eingriffen ist das Geschehen eher noch anspruchsvoller. Denn an einer Herz-OP sind im Durchschnitt acht bis zehn Menschen beteiligt – allesamt hochqualifizierte Mitarbeiter unterschiedlicher Berufsgruppen, die über mehrere Stunden konzentriert auf engstem Raum zusammenarbeiten. Deshalb legt das Herzteam Dortmund Wert auf eingespielte OP-Teams mit großer Erfahrung, zu denen neben Chirurgen, Kardioanästhesisten und Kardiotechnikern auch die Fachpflegekräfte aus Chirurgie und Anästhesie gehören.

Die Kardiotechniker
Erst die Erfindung der Herz-Lungen-Maschine (HLM) in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts hat die Herzchirurgie möglich gemacht. Das Herzteam Dortmund am St.-Johannes-Hospital verfügt über neun hochmoderne Geräte. Die Bedienung liegt in den Händen der sieben Kardiotechniker, die zur Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie gehören. Sie sind Medizintechniker oder Fachpflegekräfte, die über eine Ausbildung und Zertifizierung durch die Deutsche Gesellschaft für Kardiotechnik verfügen. Die HLM übernimmt während einer OP am offenen Herzen vorübergehend die Funktion von Herz und Lungen und damit die Durchblutung des Körpers und seine Versorgung mit Sauerstoff. Stillstand und Abkühlung des Herzens werden durch die Gabe einer speziellen Lösung in die Herzkranzgefäße erreicht, nachdem der Chirurg zuvor die aufsteigende Hauptschlagader abgeklemmt hat. Stattdessen wird das sauerstoffarme venöse Blut nun über ein Schlauchsystem in ein Gefäß und von dort in den so genannten Oxygenator geleitet, in dem der Gasaustausch wie sonst in den Lungen stattfindet: Über ein Membransystem kommt es zur Aufnahme von Sauerstoff und zur Abgabe von Kohlendioxid. Mit Hilfe einer Pumpe gelangt das Blut – durch ein Medikament ungerinnbar gemacht – zurück in den Körper. Die Membranoberfläche des Oxygenators lässt es außerdem zu, durch Spülung mit entsprechend temperiertem Wasser den Körper des Patienten abzukühlen oder zu erwärmen. So gelingt es zum Beispiel, den Blutfluss auf die Hälfte des Normalen zu senken, ohne dass es zu Sauerstoffmangel kommt – ein Trick, den die Natur bei Tieren anwendet, die Winterschlaf halten. Blut, das während der Operation zutage tritt, wird abgesaugt und direkt in die HLM gegeben, so dass fast nichts verloren geht. Eine Bluttransfusion ist deshalb in vielen Fällen nicht notwendig.

Die Chirurgen
Rund 930 tätige Herzchirurgen in nur 78 Fachabteilungen gibt es zurzeit in Deutschland. Die Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie mit 30 ärztlichen Mitarbeitern im JoHo gehört dazu. Über 1.200 Operationen am Herzen werden hier im Jahr durchgeführt. Rund 30.000 sind es insgesamt seit Bestehen der Klinik. Die Erfolgsquoten in den jeweiligen Eingriffskategorien sind ebenso gut wie stabil – und das trotz des kontinuierlich steigenden Alters der Patienten und der damit einhergehenden Zunahme von Patienten mit Begleiterkrankungen. Abgedeckt wird unter Leitung von Chefarzt PD Dr. Guido Dohmen das komplette Spektrum der
Herzchirurgie, wobei jeder der fünf Oberärzte über besondere Spezialisierungen verfügt. Die häufigsten Operationen sind Bypässe bei koronarer Herzerkrankung und Herzklappen-OPs. Das Team der Klinik legt Wert darauf, dass die Patienten nicht nur fachlich hervorragend versorgt werden, sondern sich auch sonst gut aufgehoben fühlen. Jeder Patient lernt seinen Operateur vor dem Eingriff persönlich kennen. Sobald eine OP abgeschlossen ist, ruft der Chirurg die Angehörigen an, um eine erste Einschätzung zum OP-Verlauf und Zustand des Patienten zu geben.

Die Kardioanästhesisten
Ebenso wie die Kardiotechnik ist die Kardioanästhesie eine Grund-Voraussetzung für die vielen Möglichkeiten der modernen Herzchirurgie. Neben der Herbeiführung von Schlaf, Schmerzlosigkeit und Erschlaffung der Muskulatur ist es Hauptaufgabe der
Kardioanästhesisten, in einem hochkomplexen Geschehen für die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts im Organismus zu sorgen. Denn der wird während der Operation massiv gestört und damit einer enormen Belastung ausgesetzt. Fachexpertise, Erfahrung und moderne Technik ermöglichen eine umfangreiche Überwachung des Patienten. Die Kardioanästhesie ist ein anspruchsvolles Gebiet der Anästhesie, das die Domäne von Spezialisten ist. „Die Narkose muss zum Beispiel vorsichtiger eingeleitet werden, weil der Körper fragiler ist. Blutdruckabfälle sind folgenreicher“, gibt Chefarzt Prof. Dr. Michael Sydow, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und
Operative Intensivmedizin am JoHo, zwei Beispiele. Auch die Medikamentengabe während der Operation, etwa die Verabreichung herzstärkender Mittel, ist Aufgabe der Anästhesisten. Ebenfalls wichtig: die „Bildkontrolle“ der Herz- und Herzklappenfunktion während der gesamten OP online mit Hilfe einer so genannten Schluck-Echokardiografie, um zusammen mit dem Chirurgen direkt den OP-Erfolg kontrollieren und dokumentieren zu können. Die Kardioanästhesisten sind es auch, die ebenso wie die Chirurgen Aufklärungsgespräche mit den Patienten führen. „Vor allem die Urangst, nicht mehr aufzuwachen, quält“, so Prof. Sydow. „Wir können viel dazu beitragen, diese Sorgen und Nöte zumindest zu mindern.“

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