Medizin - Artikel - Herzteam Dortmund am St.-Johannes-Hospital

Herzinfarkt ist nicht nur Männersache

Zu viele Frauen wiegen sich in trügerischer Sicherheit

Rund 450.000 Männer und „nur“ 220.000 Frauen werden in Deutschland Jahr für Jahr wegen eines Herzinfarkts stationär behandelt. Ist der Infarkt also eher Männersache? Nein. Denn relativ gesehen sterben mehr Frauen als Männer. Ein Grund ist, dass ein Herzinfarkt bei Frauen oft nicht rechtzeitig erkannt wird. Prof. Dr. Helge Möllmann, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin I / Kardiologie am St.-Johannes-Hospital und einer der beiden Leiter des Herzteams Dortmund, erklärt, woran das liegt und warum so viele Frauen sich fälschlich in Sicherheit wiegen, wenn es um Herz-Kreislauf-Erkrankungen geht.

Brustkrebs ist für Frauen die größte Angst, wenn es um ihre Gesundheit geht. Dabei stirbt jede zweite Frau an den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, aber nur eine von 25 an einem Mammakarzinom. Warum nehmen Frauen Gefahren für ihr Herz nicht so ernst?

Die meisten Frauen wissen, dass sie einen natürlichen Herzschutz besitzen: das weibliche Geschlechtshormon Östrogen. Es regt den Transport abgestorbener Zellen aus den Gefäßen an, unterdrückt die Bildung von schädlichen Entzündungsstoffen. Das ist besonders wichtig in den Herzkranzgefäßen. Sinkt aber der Östrogenspiegel mit den Wechseljahren, steigt das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung und damit auch des Infarkts. Darüber sind sich viele Frauen nicht klar. Spätestens mit 50 muss eine Frau damit rechnen, dass das Infarktrisiko zunimmt. Durchschnittlich erleiden Frauen den Herzinfarkt also zehn bis 15 Jahre später als Männer.

Tritt ein Infarkt auf, sind die Überlebenschancen der Frau geringer als beim Mann. Warum?
Die Symptome sind häufig nicht so eindeutig. Während Männer meist über die charakteristischen Brustschmerzen klagen, schildern Frauen eher Kurzatmigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Rücken- oder Nackenschmerzen, Kiefer- und Halsschmerzen oder Beschwerden im Oberbauch. Wegen Fehlinterpretation dieser Symptome, kann es zu einem lebensbedrohlichen Zeitverlust kommen. Denn gerade bei einem Herzinfarkt ist es entscheidend, frühestmögliche Hilfe zu bekommen, um Folgeschäden oder sogar einen Todesfall zu vermeiden.

Was bedeutet das konkret?
Egal ob bei Männern oder Frauen: Die ersten Stunden nach Verschluss eines Gefäßes sind entscheidend. Bei einem Infarkt unterbindet die blockierte Arterie die Sauerstoffzufuhr zum Herzmuskel. Nach 20 bis 60 Minuten beginnt das unterversorgte Gebiet abzusterben, das Gewebe vernarbt. Diese Narben können wiederum später gefährliche Herzrhythmusstörungen auslösen. Es ist also
entscheidend, so früh wie möglich die exakte Diagnose zu stellen und die Behandlung einzuleiten.

Worauf sollten Frauen achten?
Auch unspezifische Symptome unbedingt ernst nehmen. Keine Scheu haben, zum Arzt zu gehen, um die Situation abzuklären. Gerade Frauen trauen sich das häufig nicht, weil sie meinen, mit ihren „Wehwehchen“ niemanden belästigen zu dürfen, oder sie führen ihr Unwohlsein auf Wechseljahresbeschwerden zurück. Lieber einmal zu viel zum Arzt gehen und vor allem auch die Vorsorgeangebote, die von den Krankenkassen ab dem 35. Lebensjahr bezahlt werden, nutzen. Mit der Untersuchung von Blutzucker, Blutfettwerten, Blutdruck und der Erhebung genetischer Vorbelastungen ist schon viel getan, um Risikofaktoren frühzeitig aufzudecken und auszuschalten, die zu Herzerkrankungen führen können.

Es gibt die typischen Risikofaktoren, die für Männer und Frauen gleichermaßen gelten. Gibt es auch da geschlechtsspezifische Unterschiede?
Ein gutes Beispiel ist der Einfluss von Nikotin. Das Risiko einen Herzinfarkt zu erleiden, liegt bei Frauen, die rauchen, um 25 Prozent höher als bei Männern. Und: Bereits bei unter 50-jährigen Frauen sind Zigaretten die Hauptursache für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Schutzfunktion der weiblichen Östrogene wird durch die Inhaltsstoffe nahezu lahmgelegt. Auch die Einnahme der Pille ist ein besonderer Risikofaktor, den Frauen haben. Zudem gibt es Studien, die zeigen, dass Frauen, die an Diabetes leiden, verglichen mit zuckerkranken Männern ein sogar dreifach erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben.

Ist das alles auch auf organische Unterschiede zwischen Frauen- und Männerherzen zurückzuführen?
Die großen Prinzipien sind natürlich gleich. Aber auf zellulärer Ebene und in der Feinstruktur gibt es zum Beispiel Unterschiede, entsprechend auch beim Verlauf von Erkrankungen oder der Wirkung von Medikamenten. Die Forschung steht in diesem Bereich noch am Anfang, weil die Unterschiede zwischen den Geschlechtern lange Zeit keine Beachtung fanden. Der aktuelle Bericht der Deutschen Herzstiftung, der in Zusammenarbeit mit den ärztlichen Fachgesellschaften für Kardiologie, Herzchirurgie und Kinderkardiologie herausgegeben wird, stellt hier erheblichen Handlungsbedarf fest.

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